Selbst-Heilung

Wie die “Functional Medicine” sowohl individuelle Gesundheit als auch das Gesundheitssystem durch Patienteninitiative revolutionieren und demokratisieren wird

Wenn Sie als Arzt auf einem “Netzwerktreffen” der funktionellen Medizin einer Gesundheitsberaterin (eng. Health Coach) gegenüberstehen, die sich in Sachen Schilddrüse besser auskennt als der durchschnittliche Endokrinologe “um die Ecke” (wobei hier leider auch die meisten Professoren hinzuzählen) und die “in ihrem ersten Leben” bilaterale Handelsverträge zwischen lateinamerikanischen Ländern und der EU ausgehandelt hat, wissen Sie spätestens dann, dass der konventionelle Medizinbetrieb ein Problem hat.

Die Zahl der wirklich gut ausgebildeten Menschen, denen der klassische schulmedizinische Ansatz nicht weiterhilft und die sich daraufhin mit Hilfe von teils exzellenten Onlineangeboten selbst heilen, wächst rasant.

Oben genanntes Gespräch fand tatsächlich statt und meine Gesprächspartnerin arbeitet jetzt erfolgreich als Health Coach, nachdem sie ihre Schilddrüsenproblematik erfolgreich in Eigenregie therapiert hat – was für ein Lebensweg, aber auch was für eine Verzweiflung!

Die funktionelle Medizin ist eine patientenorientierte Revolution des medizinischen Denkens. Es handelt sich um nicht weniger als einen Paradigmenwechsel, der darauf abzielt, das Leben der Menschen zu verbessern und chronische Krankheiten durch eine spezifische Herangehensweise zu verbessern und ggf. auch komplett umzukehren, welche die Amerikaner so charmant “aggressive Lebensstil-Intervention“ nennen. Die funktionelle Medizin betrachtet Krankheiten, Laborwerte, Medikamente und Empfehlungen zu Ernährung, Schlaf, Bewegung und Stress mit einer radikal veränderten und frischen Denkweise und bezieht sich darüber hinaus noch auf aktuellste Forschungsergebnisse.

Beispiel: Diabetes

Jeder 10. Bundesbürger leidet unter dem was wir so treffend eine “Zivilationserkrankung” nennen. Die Fallzahlen steigen. Das Internet ist voll von Low-Carb-High-Fat- (LCHF) und Keto-Gruppen, in denen begeisterte User von einer Verbesserung ihres Gewichts und ihres Blutzuckerspiegels berichten und dennoch ist eine Einschränkung des Kohlenhydratverzehrs in der Nationalen Versorgungsleitlinie für Diabetes nicht zu finden. Schwammige Formulierungen in Bezug auf dass der Patient lernen soll, welche Nahrungsmittel den Blutzucker besonders schnell nach oben treiben und die Empfehlung zu Vollkornprodukten ist alles, was ein Patient hier zu erwarten hat. Dabei hat eine Scheibe Weissbrot einen Glykämischen Index von 75 und eine Scheibe Vollkornbrot einen Glykämischen Index von 74. Mit einer solchen Empfehlung stößt man bei Menschen, die sich selbst schlau gemacht haben, nur auf Unverständnis und alle anderen treibt man weiter in die Insulinresistenz. Dabei gibt es durchaus Daten, die zeigen wie kraftvoll eine Ernährungsumstellung sein kann.

Beispiel: Tagesmüdigkeit beim Schlaf-Apnoe-Syndrom

Selbstverständlich braucht jemand, der aufgrund von Atemaussetzern durch starkes Schnarchen keine Tiefschlafphasen hat, eine nächtliche Geräteunterstützung beim Atmen, um wieder in den Tiefschlaf zu finden. Aber was spricht dagegen, gleichzeitig und ggf. mit der Unterstützung eines Health Coachs ein paar nicht optimale Gewohnheiten zu verändern? Was spricht dagegen, bei einem solchen Patienten die Ernährung umzustellen, um das Gewicht zu reduzieren? Was spricht dagegen, die Gewichtsreduzierung zu einer echten Priorität zu machen? Was spricht dagegen, bei diesem Patienten einen optimalen Vitamin D-Status anzustreben um den Muskeltonus zu verbessern?

Was spricht weiterhin dagegen, einen solchen Patienten zu bitten, laut unter der Dusche zu singen (Muskeltonus der Mund- und Rauchen Muskulatur!); ggf. die Hilfe eines Stimm- und Sprechtherapeuten in Anspruch zu nehmen und in einen Chor einzutreten? Was spricht dagegen, das Bett am Kopfende etwas zu erhöhen, um eine Oberkörperhochlagerung zu erreichen ?  Sind all diese Dinge umgesetzt, spricht sicherlich nichts dagegen in einem Schlaflabor zu überprüfen ob die nächtliche Atemunterstützung überhaupt noch angezeigt ist.

Bei der funktionellen Medizin geht es um die Vermittlung von Wissen, welches den Patienten befähigt selbstständig zu werden. Es geht um Begleitung im Prozess der Veränderung und um die Vermittlung von Inspiration. Die Inspiration zu tiefgreifenden Verhaltensänderungen in eine gesunde Richtung ist eines der Kernstücke der funktionellen Medizin.

Dies ist auch der Grund warum ich persönlich mittlerweile mit einem Health Coach zusammenarbeite. Wissenschaftliche Studien, die die Kraft von Lebensstil-Interventionen deutlich aufzeigen gibt es zuhauf. Jetzt geht es darum uns selbst, unsere Freunde, Mitmenschen, Familienangehörige und Patienten auf dieser Reise zu unterstützen.  Zum wachsenden Erstaunen von Patienten, Gesundheitsdienstleistern, Forschern und Versicherungen zeigen diese Veränderungen oft viel bessere Ergebnisse als jedes andere auf dem Markt befindliche Medikament. Und das ist ja auch kein Wunder. Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Depression sind nämlich keine Erkrankungen, sondern Symptome. Es sind Symptome, hinter denen eine einfache Botschaft zu finden ist: irgendetwas stimmt hier nicht!

Manchmal gibt es das, was sich alle wünschen – “the root cause” – also die “eine Ursache” für  Beschwerden wie z.B. einen Eisenmangel, der zu Erschöpfung führt.

Und natürlich ist es toll, hier mit einem Nahrungsergänzungsmittel oder einer Eiseninfusion zu helfen. Der funktionell-medizinische Ansatz besteht allerdings hierin, zu schauen was wirklich zu einem solchen Eisenmangel geführt hat. Und während man die üblichen Verdächtigen selbstverständlich nicht aus den Augen verliert (starke Menstruation, Verlust über Stuhl oder Urin, vegane oder vegetarische Ernährung) schaut man auch abseits dieser ausgetretenen Pfade: hat der Patient überhaupt genug Natrium (NACL), um Magensäure bilden zu können (HCL), oder nimmt er gar Magensäure hemmende Medikamente? In welchem Setting wird gegessen? “Zwischen Tür und Angel”? Also eher in einem gestressten Zustand? Natürlich hemmt mein Körper die Bildung von Verdauungssekreten, wenn er denkt dass ich gerade vor einem Tiger fliehe. Vielleicht reicht es also schon aus nicht das Was ich esse zu ändern, vielleicht genügt es am Wie etwas zu verbessern.

Ist “die eine Ursache” aber nicht zu finden, zeigt der Ansatz der funktionellen Medizin seinen besonderen Reiz durch eine unglaubliche Flexibilität und den Wunsch, den Menschen “wirklich zu helfen”.

Bestes Beispiel hierfür ist Dale Bredesen, Neurologie Professor von der UCLA, der nach rund 20 Jahren recht erfolgloser Forschung an Alzheimer einen anderen Weg beschritt: er suchte einfach nicht mehr nach “der einen Ursache” von Alzheimer, sondern schaute welche Ursachen für eine Minderung der kognitiven Leistungsfähigkeit bereits gut erforscht waren.

Sein revolutionäres Konzept bestand dann darin, alle möglichen Ursachen für eine Verschlechterung der Kognition bei seinen Patienten zu ergründen und eben auch alle zu verbessern. Auch gab er sich hierbei nicht mit Normwerten zufrieden, sondern strebte optimale Werte an. Mittlerweile ist die Reversibilität von kognitiven Einbußen dokumentiert.

Konventionell medizinisch betrachtet ein Wunder.

Da es keine bekannten Nebenwirkungen von gesünderer Ernährung, mehr Bewegung, Stressabbau und besserem Schlaf gibt und diese Interventionen auch ohne ärztliche Anleitung und Begleitung durchgeführt werden können, boomt die funktionelle Medizn. Sie wird nach dem Graswurzelprinzip den etablierten Medizinbetrieb in eine Veränderung zwingen, die für alle Beteiligten gut ist.

Autor des Artikels:

Bastian Hölscher

Facharzt für Allgemeinmedizin
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Klassische chinesische Medizin
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